Rudelsingen von Münster bis Dresden, Massenkaraoke in Hamburg, das MitSingDing in Dortmund – in vielen deutschen Städten gibt es Veranstaltungen, bei denen es nicht um die perfekte Performance, sondern um ein Gemeinschaftserlebnis geht.

Die gemeinnützige GmbH VolxGesang hat diesen Trend vor fünf Jahren in den Münchener Schlachthof gebracht. Am Donnerstagabend war die Truppe, die in mehreren bayerischen Städten Mitsing-Konzerte veranstaltet, nun zum ersten Mal in der Ingolstädter Neuen Welt zu Gast. Was ist dran an der Lagerfeuerstimmung gegen Eintrittskarte? Ein Selbstversuch.

Kurz nach dem Einlass hat sich eine Schlange vor der Neuen Welt gebildet. Man fachsimpelt über Songs von Mark Forster. Die Stimmung: erwartungsvoll, gelöst. Dazu trägt auch Nicole Wagner bei. Die Geschäftsführerin von VolxGesang sitzt am Eingang, reißt fröhlich Sprüche, gibt Wechselgeld heraus und stempelt grüne Schriftzüge auf Handgelenke. „Seid ihr entspannt“, lobt sie ihre geduldig wartenden Gäste. In München und anderswo, deutet sie an, gebe es hier und da Trubel beim Einlass. Manchmal muss man Singfreudige nach Hause schicken, weil der Saal zu klein ist. Bei der Ingolstädter Premiere aber passen alle hinein.

Eine Parallele zu anderen Kulturveranstaltungen: Auch hier traut man sich zuletzt in die erste Reihe. Dabei ist das doch ideal – von hinten ja nicht sehen, wie gut jemand mitsingt. Also, auf nach vorne. „Hallo Ingolstadt“, ruft der Vorsänger Michael Herrmann und witzelt sofort drauflos. Überall auf der Welt sei man zugange, München, Pfaffenhofen. Und jetzt hier. Entspanntes Kichern aus dem Publikum. Die Atmosphäre hat wenig von einem Konzert. Die Trennung zwischen Künstlern und Publikum funktioniert hier nicht, die Rollen verschwimmen. Nicole Wagner, die für die Texte auf der Leinwand zuständig ist, legt nach: „Wir sind ja nicht im Theater, wir wollen hier Spaß haben! “ Und die Gäste sind wahrlich Spaß-geübt. Michael Herrmann muss nur das „Oh“ in der ersten Zeile des Beatles-Songs „Eight days a week“ ansingen, schon füllt ein beachtlich voller Spontanchor-Klang den Raum. Hauptsächlich weiblich gefärbt ist er, sehr melodiesicher, nicht perfekt, aber leidenschaftlich. Der Griff um das Bierglas ist bei der Berichterstatterin trotzdem noch etwas verkrampft. Singt man da als Journalistin überhaupt mit? Und dann auch noch „Griechischer Wein“? Ist doch ein bisschen albern – oh, jetzt kommt „Nothing else matters“!

Die Gäste wissen genau, warum sie da sind. „Es tut einfach gut“, sagt eine Ingolstädterin, die in ihrer Reha ein bisschen widerwillig am Volksliedersingen teilnahm und überraschend auf den Geschmack gekommen ist. „Ein Chor ist sowas Verbindliches“, meint eine andere Besucherin. Eine Gruppe von Mittdreißigerinnen feiert hier Geburtstag. „Es ist nicht wie beim Karaoke, wo man vorne steht und sich blamiert, sondern man geht in der Masse unter“, sagt eine von ihnen. Ein Eitensheimer, einer der wenigen Herren im Publikum, war schon bei VolxGesang in Bad Tölz und im Münchener Schlachthof „Da haben wir den Gefangenenchor gesungen, das werd‘ ich nie vergessen, und anschließend Biene Maja. “ Ähnlich wild gemischt geht es jetzt weiter. VolxGesang hat ein Repertoire aus rund 400 Stücken, meint Nicole Wagner. Sag mir, wo die Blumen sind. Handytaschenlampen werden geschwenkt. Freude, schöner Götterfunken. „Zu Ehren der Briten“, sagt Michael Herrmann. It’s so easy to fall in love. Que Sera, Sera. Schunkeln. One Moment in time. Den hohen Ton am Ende kriegt eigentlich niemand. Stört auch niemanden.

Mitsingen und sich selbst zu ernst nehmen, das geht nicht zusammen. Dieses Gefühl von „egal, Spaß haben“ weiß Michael Herrmann meisterhaft aufrechtzuerhalten. Seine Klavierbegleitung ist einladend. Als Musiklehrer weiß er genau, wo er Einsätze geben muss und welche Liedpassagen das Publikum alleine hinbekommt. Fürs Herumalbern ist er sich dabei nie zu schade. Vor „Jenseits von Eden“ führt er ausgewählte „Schlager-Moves“ vor, die das Publikum nach Belieben einbauen soll: Helene Fischers Expander oder den Doppelstein, bei dem man voller Leidenschaft beide Fäuste vor dem Brustkorb ballt.

Die Ausgelassenheit steigt. Sie gipfelt in Schifoan, Kalinka und Hey Jude. Bei „Thank you for the music“ liegt sich das Publikum in den Armen. Nicole Wagner und Michael Herrmann leiten noch den Kanon „Abendstille überall“ an, dann schleichen sie sich von der Bühne. Die Gäste singen weiter.

 

Text: Katrin Poese

Foto: Symbolbild von StockSnap / Pixabay

Dieser Text ist im Donaukurier erschienen.

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