Wie lässt sich mehr Bewegung in den Alltag einbauen? Die Sozialpsychologin Elisabeth Kals sagt: Vernunft allein reicht nicht. Warum neue Gewohnheiten so schwierig zu erreichen sind und wie es trotzdem gelingt.
Jetzt wird es ernst: Ich habe den Neujahrs-Vorsatz “mehr spazieren gehen gefasst” und will ihn jetzt im Alltag umsetzen. Das bedeutet vor allem: neue Gewohnheiten schaffen und nicht nur am Wochenende dran bleiben an den eigenen Zielen. In der Forschung gibt es viele Hinweise darauf, dass sich Zufußgehen positiv auf Psyche und Gedächtnisleistungen auswirkt. Und umweltfreundlich ist es schließlich auch. Das sind gute Gründe, um jeden Tag freudig eine Spazierrunde zu drehen. Wenn nur er nicht wäre: der innere Schweinehund. Warum ist es so schwer, eigene Gewohnheiten zu ändern, selbst wenn der Kopf längst verstanden hat, dass es gut tun würde?

Diese Frage kann Elisabeth Kals beantworten. Sie ist Professorin für Sozial- und Organisationspsychologie an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt. Eines ihrer Spezialgebiete sind die psychologischen Aspekte des Umweltschutzes. Dabei geht es oft darum, dass Menschen ihr Verhalten ändern sollen. Zum Beispiel bei Mülltrennung oder beim Klimaschutz. “Eine Gewohnheit ist ein automatisiertes Verhaltensmuster”, erklärt Kals. “In sehr vielen Fällen ist das Verhalten nicht reflektiert, nicht im Bewusstsein.” Man könne diese Muster aber ins Bewusstsein heben, indem man über sein Verhalten nachdenkt, sich Vergleiche sucht oder mit Freunden darüber spricht. Um das Verhalten dann auch zu ändern, brauche es allerdings einiges mehr als nur Gedanken. Denn Gewohnheiten seien für den Menschen ja sehr sinnvoll, erklärt die Sozialpsychologin weiter. “Wir könnten gar nicht ohne überleben.” Die festgelegten Muster sparen Zeit und Energie, sie vermitteln Sicherheit und Geborgenheit, reduzieren Stress und helfen uns im sozialen Miteinander.

All diese Vorteile sind starke Kleber, die uns an unsere Verhaltensweisen binden, meint Elisabeth Kals – egal ob es dabei um die Zigarette geht oder um die abendliche Fernsehstunde. Oder in meinem Fall um die Mittagspausengestaltung. Statt im Café zu sitzen oder mit Kollegen essen zu gehen, will ich nun öfter an die frische Luft. Die Professorin weiß: Mit Vernunft allein werde ich mir den Pausen-Spaziergang nicht angewöhnen. “Wenn man sich nur mit Ratio und Moralin impft, ist das von kurzer Dauer.”

Warum das richtige Verhalten so schwer fällt

Genau das sei oft beim Umweltschutz das Problem. Wenn man argumentiert, zu viel Autofahren schade dem Klima, reicht das noch lange nicht. Um Menschen tatsächlich dazu zu bringen, ihr Verhalten zu verändern und öfter zum Einkaufen zu radeln oder gar zu laufen, sind außerdem hedonistische Motive nötig. Heißt: “Man braucht positive Anreize des Genusses.” Das gilt auch für mein Vorhaben: “Das Zufußgehen muss für einen selber attraktiv werden”, erklärt mir die Sozialpsychologin.

Und sie hat auch gleich Tipps parat. Gustatorische Reize, also Dinge, die gut schmecken, seien eine gute Belohnung. Warum nicht auf dem Rückweg des Abendspaziergangs noch frische Semmeln für die Brotzeit holen? Auch ein schöner Blick über die Landschaft, den man an bestimmten Stellen immer genießt, könne ein Ansporn sein. Das sei im Übrigen etwas ganz anderes, als viele Ratgeberbücher zum gesunden Lebensstil sagen. Wenn es nicht klappt, liegt es eben nicht an fehlender Disziplin. “Die neue Gewohnheit muss ähnliche Vorteile haben wie die alte, sie darf nicht nur moralisch überlegen sein”, meint Kals. Die neuen Vorteile könnten auch sozialer Art sein: “Es ist ganz wichtig, dass man sich Mitstreiter sucht”, sagt die Professorin, “dass man nicht alleine kämpft.” Unglaublich wichtig sei auch, wie der Partner zu dem Vorhaben steht. All das könne über den Erfolg entscheiden. Eine neue Gewohnheit müsse auf vielen Kanälen tiefer in der Gefühlswelt verankert werden.

Für den Zeitpunkt meines Vorsatzes beglückwünscht mich die Sozialpsychologin: Denn es geht auf den Frühling zu. Auch günstige äußere Umstände seien wichtig, um ein neues Verhalten zu etablieren. Grundsätzlich sei es eine gute Idee, Wechsel zu nutzen: das neue Jahr, ein Umzug, ein neuer Job, eine Trennung. Bei solchen Änderungen des Alltags entstehen Lücken, die eine neue Gewohnheit füllen kann. Trotzdem: “Man braucht einen langen Atem”, meint Kals. Laut Studien könne es bis zu acht Monate dauern, bis einem ein neues Alltagsverhalten in Fleisch und Blut übergegangen ist.

 

Dies ist ein Auszug des Beitrags, der im März 2018 im Eichstätter Kurier erschienen ist.

Foto: Symbolbild von Tabeajaichhalt auf Pixabay

Category: Psychologie