Die Pandemie hat der Digitalisierung einen Schub versetzt – auch in der Kulturbranche. Dort war 2020 das Jahr der Not, aber auch der neuen Online-Formate. Wie steht es damit in der Region Ingolstadt? Ein Blick auf Highlights und Vorbilder.

 

Foto: Rudy and Peter Skitterians/Pixabay
Do-it-yourself-Kunst

Mut zu digitalen Lösungen beweist das Museum für Konkrete Kunst Ingolstadt. Die familienfreundliche Veranstaltungsreihe Sonntags?Kunst! ist jetzt eine Serie von Video-Anleitungen – unterstützt durch Audi Art Experience. Kleine und große Kreative können so zu Hause Collagen nach Matisse kleben oder malen wie Mondrian. Neu ist auch der DIYnstag, eine Online-Workshopreihe. Erwachsene Kunstinteressierte können per Live-Stream der Gesprächsreihe „Ansichtssache digital“ beiwohnen – eine Kooperation mit dem Rotary Club. Laut Ankündigung soll die Reihe dazu ermutigen, auch als Nicht-Experte seine Meinung über Kunst zu äußern.

 

 

 

 

Foto: Screenshot Festungs-App
Geschichte to go

Stadtgeschichte erleben ohne Museum – möglich machen es Festungs-App und Story Map, beide entstanden in Zusammenarbeit von Uwe Arauner und dem Ingolstädter Stadtmuseums-Archäologen Gerd Riedel. Fürs Spazierengehen ist die Festungs-App gut geeignet: Dank Standorterkennung bekommt man Infos zu Bauten vom Frühmittelalter bis ins 20. Jahrhundert. Für zu Hause auf dem Sofa ist die Story Map, eine animierte Karte mit passenden Texten, Fotos und Videos, eine lehrreiche Unterhaltung. Wer sich für Militärgeschichte interessiert, findet übrigens beim Bayerischen Armeemuseum Ingolstadt auch ein virtuelles Museum zum Ersten Weltkrieg.

 

 

 

 

Foto: Analogicus/Pixabay
Wissen in Häppchen

Ein Vorbild in Sachen gelungene Online-Präsenz ist das Deutsche Medizinhistorische Museum Ingolstadt. Auf der Homepage findet man einen virtuellen Rundgang durch die neue Ausstellung „Die Ingolstädter Maskentonne“ und unter „DMMI Digital“ die „Objektgeschichten“ mit Fotos und kurzen Texten – allein 60 davon zu „Covid-19 & History“. Sie zeigen, dass viele für uns ungewohnte Seuchen-Phänomene bereits früher in der Geschichte aufgetreten sind: Verschwörungstheorien, Impfgegner, Social Distancing. Im Frühjahr sind in Zusammenarbeit mit dem Kulturkanal außerdem drei Podcasts mit Blicken hinter die Kulissen entstanden.

 

 

 

 

Foto: Free-Photos/Pixabay
Lokale Szene-Plattform

Den Auftrag als städtischer Kulturveranstalter nimmt INKULT auch in Krisenzeiten wahr: Kernstück ist der Blog Trotzdemjetzt – eine Online-Plattform für die lokale Kulturszene. Liebevoll produzierte Musik gibt es im Videoformat kanal neun Sessions. Dort spielen regionale Ensembles jeweils mehrere Stücke: Von Bands wie Kapuze, Max Rogiue, The Komets oder Rosvita Radikal bis hin zu Musik mit selteneren Instrumenten wie der türkischen Baglama oder der japanischen Bambusflöte Shakuhachi. Zu entdecken gibt es im Blog auch die Interview-Reihe „Kunstentzug“, die Szene-Talk-Reihe „The Young, the Old & the Club“ und gefeaturte Inhalte aus der regionalen Szene – von der Märchenerzählerin bis Fotografen.

 

 

 

 

Foto: PublicDomainPictures/ Pixabay
Zeitreise im Hörspiel

Das Jura-Museum Eichstätt ist gerade bei Kindern beliebt – Dinosaurier und andere Lebewesen früherer Erdzeitalter faszinieren viele Menschen.Die Homepage des Museums bietet auch Inhalte für zu Hause an: Das Hörspiel „Zeitreise ins Jura-Meer: Eine Hörexpedition mit dem Jura-Museum“ entführt 38 Minuten lang in die Welt der Forscherinnen und Forscher. Eine Expeditionsleiterin, ein Zeitmaschinenmechaniker oder eine Expertin für Unterwasserlebewesen erklären etwas zu Tintenfischen, Riffen oder dem Ichtyosaurier – detailverliebt produziert mit professionellen Sprecher:innen und vielen Geräuschen. Das Hörspiel ist auch für die Nutzung in der Schule gedacht.

 

 

 

 

Foto: Free-Photos/Pixabay
Jazz für Daheim

Der Neuburger Jazzclub Birdland hat ein Angebot für Lockdown-Zeiten: Auf dem Youtube-Kanal findet man 20 Video-Mitschnitte von Konzerten. Dabei sind Jazz-Ensembles aus der Region, aber auch bekannte Musikerinnen und Musiker wie Lee Konitz, Cécile Verny oder Marc Copland. Jazzkeller-Atmosphäre gibt es gleich mit dazu, denn die Videos sind Aufzeichnungen der kompletten Konzerte aus der Perspektive Zuschauerraum.

 

 

 

 

 

 

Foto: Screenshot Taberna mercatoria
Shoppen wie die Römer

Eine pfiffige Idee für den Geschichtsunterricht hat das Römer- und Bajuwarenmuseum Kipfenberg entwickelt. Kostenlos bietet es den Online-Shop „Taberna mercatoria“ an, der Produkte aus der Spätantike im Angebot hat. Darf es Papyrus, Weihrauch, Pigment vom Eisenoxid, ein neues Trinkhorn oder eine schicke Tunika sein? Die Produkte haben informative Beschreibungen, man kann sie in den Warenkorb legen, dann hat die Zeitreise ein Ende: Man liefere leider nicht ins 21. Jahrhundert, heißt es scherzhaft. Schulen können die aus LEADER-Förderung finanzierte Website dank ergänzender Videos und Arbeitsblätter für Rollenspiele nutzen: Sie verdeutlichen den Handel zwischen Römer und Germanen und das Alltagsleben der Antike.  www.roemer-taberna.de

 

 

 

 

Foto: Screenshot 3-D-Rundgang
Digital und 3D

Das Lechner Museum hat das Thema digitale Ausstellungen konsequent in Angriff genommen – schon mehrfach und mit unterschiedlichen Konzepten. Die Fotoschau „Divided we stand“ steht als Online-Dossier mit erklärenden Texten und Videos, unter anderem mit den beiden Fotografen, zur Verfügung. Zur vorherigen Ausstellung „Rot trifft Stahl“ mit Werken von Rupprecht Geiger und Alf Lechner gab es einen 3-D-Rundgang, der noch auf der Homepage abrufbar ist. Beim virtuellen Begehen der Räume kann man Kamera-Symbole über den Exponaten anklicken, dann erscheinen erläuternde Videos mit Kurator Daniel McLaughlin. Auf diese digitale Führung kann man auch unabhängig vom 3-D-Bild zugreifen.

 

 

 

 

Foto: Screenshot Online-Adventskalender
Online-Türchen, Videos und Workshops

Das Ingolstädter Stadttheater hat schon im Frühjahr 2020 auf digitale Angebote gesetzt und mit Videos kleine Kultur-Häppchen geliefert. Kern der Online-Aktivitäten zum Ende des Jahre ist der Adventskalender des Jungen Theaters auf der Stadttheater-Homepage. Jeden Tag gibt es dort neue Hörspiele, Bastelanleitungen, Rätsel, Videos oder Rezepte. Veranstaltungen wie das Café international und den Next-Generation-Poetry-Slam-Club veranstaltet das Theater momentan als Videokonferenz-Formate. Zu entdecken sind außerdem der Audio-Walk „Romeo und Julia auf Abwegen“ mit Hörspielen und einer dazugehörigen Karte, einige Podcast-Folgen und ein Online-Dossier mit Informationen, das den ausgefallenen Tag der Menschenrechte kompensiert. www.theater.ingolstadt.de

 

 

 

 

Foto: Screenshot Video
Drei Minuten Kultur

Eine Aktion, die für Kulturschaffende und für ihr Publikum gewinnbringend ist, hat sich das Kulturreferat der Stadt Ingolstadt ausgedacht. In der Reihe „3 Minuten im Advent“, zu sehen auf Youtube, stellen in 26 Videos lokale Persönlichkeiten sich und ihre Arbeit vor: bildende Künstlerinnen wie Alexandra Fromm, der Zauberer Sven Catello oder die Schriftstellerin Carmen Mayer. Alle Videos werden von der Kulturförderung mit 500 Euro vergütet, sie schaffen neben der Sichtbarkeit also auch ein kleines Zubrot. Für das Publikum ist die Reihe ein Adventskalender mit spannenden Einblicken in die Kultur der Region: mit Lesungen, Musik, Performance, Bildergalerien oder Atelierführungen (bei Dagmar Hummel, Foto). www.ingolstadt.de/3minuten

 

 

 

Foto: MasterTux/Pixabay
Festival fürs Sofa

Ein komplettes Online-Festival – dass es so kommen würde, war beim Kurzfilmfest 20minmax ursprünglich nicht geplant. Nach Verschiebung und Planungen für ein Hybridfestival wagten Marcel Aigner und Team angesichts des Teil-Lockdowns im November den Schritt, ihre Kurzfilmtage komplett digital stattfinden zu lassen. Mit einem Festivalpass konnte das Publikum insgesamt 69 Werke aus 26 Ländern und aufgezeichnete Interviews mit Regisseuren streamen. 20minmax gehört damit zu einer Reihe von internationalen Filmfestivals, die heuer auf ein digitales Format gesetzt haben. Das Angebot kam gut an. Trotzdem ist für den Herbst 2021 wieder ein analoges Festival im Kino geplant – wegen der Atmosphäre und des Austauschs. www.20minmax.com

 

 

 

 

Foto: Katrin Poese
Galerie im Netz

Es ist einfach, aber dennoch wirkungsvoll, und der Berufsverband Bildender Künstlerinnen und Künstler Oberbayern Nord und Ingolstadt (BBK) macht es vor: Man gestalte eine Homepage-Unterseite, nehme dazu einen Instagram-Kanal und eine Facebook-Seite, verlinke alles sauber untereinander und teile dann auf allen drei Kanälen Werke der Mitglieder. Der Lohn dafür sind Sichtbarkeit, Aufmerksamkeit und nette Kultur-Häppchen für Fans und Interessierte. Der BBK nennt das #museumimnetz und zieht die Aktion seit März anfangs täglich, inzwischen wöchentlich durch. Entstanden ist so eine beeindruckende Sammlung regionaler Werke, die dank der Social-Media-Präsenz einfach zugänglich ist.

 

 

 

 

 

Dies ist ein Ausschnitt der Analyse, die am 18.12.20 im DONAUKURIER erschienen ist.

 

Titel-Foto: Bild von PourquoiPas auf Pixabay

Category: Kultur